Einträge getaggt mit israelische Grenze
Einträge getaggt mit israelische Grenze

Und weils im Sinai so schön war und in Kairo so stinkt, entschlossen sich meine Freundin und ich uns ganz spontan dazu, statt zurück nach Kairo, zur Grenze zu fahren und von dort nach Tel Aviv zu trampen.
Entgegen unserer Erwartungen ging an der Grenze alles fix und glatt und alles in allem waren wir 6 Stunden später per Anhalter mit Abstecher am Toten Meer in Tel Aviv. Trampen funktioniert, wie ich die Erfahrung ja bereits machte (http://eselsindvegan.tumblr.com/post/1230072850/odyssee-hiking-nach-tel-aviv) sehr gut in Israel. Einfach an eine Haltebucht stellen, Daumen raus und schon halten die ersten Autos.
Israel ist eine wundervolle Abwechslung zu Ägypten und vor allem eines: frei!
Gleich nach der Grenze, hatte ich das Gefühl, wieder zurück in Europa zu sein: keine Belästigung, kein nervendes “psss….pssss”, “beautiful!” oder so. Es sind viele Frauen* auf der Straße, der Verkehr ist geregelt und die Fahrer_innen hupen nicht die ganze Zeit wie die Vollidioten, es gibt super viele Radfahrer_innen und Radausleihstationen, an denen mensch Fahrräder kostenlos ausleihen und an jeder anderen Station wieder abgeben kann, was dazu führt, dass die Luft sauber ist, es gibt Festpreise, was bedeutet, dass mensch nicht jede einzelne Tomate handeln muss und dann noch permanent beschissen wird. Überhaupt drängt sich mir hier schnell der Gedanke auf, dass die Menschen hier einfach zivilisierter sind. Auch gibt es überall Mülleimer und ein Recyclingsystem, wodurch die Straßen um Potenzen sauberer sind als in Ägypten.
Und obwohl ich den Kapitalismus zutiefst verabscheue, bin ich doch, nunja, erfreut über die Produktvielfalt hier: es gibt hier nämlich zum Beispiel nicht nur Vollkornbrot, sondern viele Sorten Vollkornbrot, aus denen ich wählen kann. Ich kann mich in Geschäften frei bewegen ohne gleich von 5 Händler_innen umgeben zu sein, die mir all ihre Produkte entgegenwerfen, sodass ich mich kaum mehr bewegen kann. Ich gehe durch eine Drogerie oder einen Supermarkt und es gibt Tampons - in Ägypten für Frauen* selbstredend verboten. Eine Frau* kann sich doch nicht an ihrem Genital berühren! Und dann noch etwas da rein stecken, was nicht der Penis des Ehemannes ist? Also das ist dann doch nun wirklich zuviel des Guten!
Es fällt auch sofort auf, dass die Menschen sich hier ganz anders bewegen, als in Ägypten: nämlich freier. Männer* haben hier nicht die absolute Herrschaft auf den Straßen, sodass sich Frauen* nicht dem absoluten Diktat der Männer*welt fügen müssen, bzw. die Konsequenzen spüren müssen, wenn sie aus ihren Geschlechterrollen ausbrechen, was schon damit beginnt, wenn Frauen* das Haus verlassen. Ich kann mich hier alleine in eine Kneipe an die Bar setzen und mit meinem männlichen* Sitznachbar ein Gespräch beginnen, ohne von Beginn an belästigt zu werden. Und nachdem ich schließlich das völlig überteuerte Bier für umgerechnet 5€ je halben Liter gezahlt habe, kann ich nachts allein nach Hause torkeln, ohne an den Brüsten oder am Arsch angefasst zu werden. Und selbst wenn das hier auch passieren könnte, ist es nicht strukturell. In Ägypten kann ich mir zu nahezu 100% sicher sein, dass ein Mann* übergriffig wird, wenn ich nachts allein in den Straßen bin. Auch am Strand kann mensch sich frei bewegen, schwimmen, sonnen usw. Außerdem ist Tel Aviv voll mit Straßenkunst: ein Bummel durch die Straßen gleicht hier einem Wandel durch eine Galerie - dazu noch ein Schokoeis: Perfekt! - Fast wie Berlin: Denn sogar Regen gibt es hier in den letzten Tagen (und das nicht zu wenig - allerdings sinkt die Temperatur nicht unter 20 Grad).
Wenn ich Menschen hier erzähle, dass ich in Kairo wohne, sind sie interessiert und fragen nach. Würde ich Menschen in Kairo allerdings erzählen, dass ich in Israel wohne, würde ich Gefahr laufen angegriffen zu werden - noch dazu erkennen die wenigsten überhaupt das Existenzrecht Israels an - im Gegenteil: in der Überzeugung der meisten Ägypter_innen existiert der Staat Israel auch nicht, sondern ist lediglich ein besetztes Gebiet, dessen Bewohner_innen ständig Krieg beginnen (auch Nasser wurde in Überzeugung vieler Ägypter_innen von Israel überfallen).
Etwas merkwürdig ist der Umgang mit dem drohenden Kriegsausbruch mit dem Iran/Libanon. Seit die Warnung da ist, dass der Krieg wohl bald beginnt, stehen auf den Einkaufszetteln Besorgungsdringlichkeiten, wie: Konserven, Gasmasken, haltbare Süßigkeiten, wenn im Angebot, Wasser, Zucker usw. Und als wir bei meinem Freund in Tel Aviv ankamen lag ein Memo auf dem Tisch, mit den Bemerkungen: Bitte Blumen gießen nicht vergessen, Wasser sparen, Müll rausbringen, bei Kriegsausbruch oder Raketenalarm innerhalb von 2 Minuten in den öffentlichen Bunker gegenüber oder ins Treppenhaus (weg vom Fenster!) gehen, bitte 2kg Bananen und Gemüse kaufen und Tür abschließen nicht vergessen!
Der Krieg scheint hier total zum Alltag zu gehören. Normal, ne!?
Megiddo:
Vorgestern bin ich mit dem Bus in den Norden Israels nach Megiddo (als Armageddon aus dem Neuen Testament bekannt: hier war die Endschlacht zwischen gut und böse) gefahren, das die wohl bedeutenste archäologische Stätte des Nahen Ostens ist (seit 2005 auch UNESCO-Weltkulturerbe). Megiddo wurde als Grenzstadt/ Festung 25 mal zerstört und 25 mal wieder aufgebaut. Wodurch
der Tell (“Hügel”) Megiddos aus über 20 deutlich sichtbaren archäologischen Schichten besteht.
Hier waren die Ägypter_innen (ab 3300–3000 v. Chr.) ist in Megiddo ein starker altägyptisch-kultureller Einfluss erkennbar (am Bekanntesten ist wohl die, in den Annalen des Thutmosis III. in Karnak beschriebene Schlacht von Megiddo), die Syrer_innen, Christ_innen und so. Hier gibt es Palastruinen, Stallungen, Tore, Silos und ein ausgeklügeltes Wasserversorgungssystem zu bestaunen, das es den Bewohner_innen erlaubte, mittels eines 70m langen Tunnels an eine Quelle zu gelangen, ohne die schützenden Stadtmauern zu verlassen. Der Tunnel, der noch heute zur Quelle führt ist noch immer begehbar und wirklich beeindruckend.
Lustig war auch eine christliche, afrikanische Pilgergruppe, die im Regen und schließlich in dem Tunnel anfing lauthals irgendwelche biblischen Lieder zu singen. Wo die Leute nicht alles so hinpilgern!

Ein Heiligtum in Megiddo
Drei Wochen ists schon her, da brachen mein Mann und ich erneut auf - diesmal nach Taba, dem Grenzort nach Israel auf dem Sinai, um dort einen guten Freund aus Tel Aviv zu treffen.
Unser Plan, die billigere, wenn auch gefährlichere Variante mit dem letzten Mikrobus über Nacht zu fahren, wurde bereits am Busbahnhof in El-Marg durchkreuzt, als der letzte Bus brechend voll vor und ohne uns abfuhr. Einen weiteren sollte es nicht geben (Mikrobusse haben hier keine festen Abfahrzeiten sondern fahren los, wenn sie voll besetzt sind), da es nur wenige Stunden zuvor im Sinai einen schweren Überfall auf Busse gegeben haben soll, bei dem einige der arabischen Insassen getötet wurden und deshalb niemensch nach Taba will.
Wir nahmen dann einen großen Bus und trafen mit nur wenigen Stunden Verspätung in Taba, am türkis-glitzernden Meer am Golf von Aqaba ein, warfen bevor wir ins Meer rannten einen Blick auf die Grenze, an der die ägyptische- die israelische Flagge zu küssen scheint. Wie in den meisten Ehen scheint die Krise allerdings schärfer als die Liebe zu sein, wodurch die israelische Seite mal eben die Scheidung samt Einstweiliger Verfügung einreichte und gerade den nächsten “Schutzwall” errichtet: http://www.haaretz.com/print-edition/features/on-israel-egypt-border-best-defense-is-a-good-fence-1.395239.
Die Landschaft dort ist atemberaubend: in der Sonne am Strand liegend, hat mensch Sicht auf die Berge Israels, Jordaniens, Saudi-Arabiens und Ägyptens.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich wenige Tage später ganz spontan nochmal mit etwa 15 ägyptischen Freund_innen und meiner Freundin über die freien Tage des Opferfestes in den Sinai fahren würde.
Zum Opferfest und davor gleicht ganz Kairo einem Zoo. An so ziemlich jeder Ecke stehen ein paar Schafe, aber auch Ziegen, Kühe mit großen lieben Augen und sogar Kamele. Ein Teil ihrer Verwandten und Artgenossen hängt bereits ausgeblutet am Haken daneben. Da auf den Straßen geschlachtet wird, bleiben vom Zoo am Ende nur noch Blutlachen auf diesen übrig. Ich kann sowas nicht ertragen und flüchtete also für 5 Tage zurück auf den Sinai ans Meer.
30 km südlich von Taba hatten wir so ein kleines - eigentlich großes - Paradies für uns: kleine Stroh-Bambushütten auf dem weißen Strand am türkisblauen Meer mit Korallenriffen. Wahnsinn.
Der Urlaub war auch wirklich einer: Wie für den Sinai typisch wurde uns gleich bei Ankunft ein Kilo Gras auf den Tisch gelegt und da wir vollkommen von der Außenwelt abgeschlossen waren, verbrachten wir unsere Zeit mit rumliegen, schwimmen, schlafen, rumliegen und ab und an was essen (aufgrund der Abgeschiedenheit war es gar nicht einfach so viel essen zu organisieren - v.a. welches, dass vorher keine 4 Beine oder Flossen hatte).
Das Ganze war wirklich eine wohltuende Entspannung vom lauten, stinkenden Kairo - dem Smog, dem Verkehr und der unaufhörlichen Belästigung dort.

Der Mondschein markiert hier genau die Grenze zwischen Jordanien und Saudi-Arabien