Einträge getaggt mit Militär
Einträge getaggt mit Militär
Wir sind nun also mitten in den Wahlen und das Militär steckt in einer tiefen Krise. Nach den blutigen und schrecklichen Ausschreitungen vor 3 Wochen, bei denen ca. 40 Menschen ihr Leben lassen mussten und zahllose teils schwer verletzt wurden, befinden wir uns nun also mitten in den Wahlen zum neuen Parlament. Wir sahen furchtbare Bilder von Protestierenden, denen per Kommando gezielt in der Muhammed Mahmud Straße zwischen dem Tahrir und dem Innenministerium die Augen ausgeschossen wurden und Bilder von Menschen, die im eingesetzten Tränen- und Nervengas unter Krämpfen auf der Straße erstickten um anschließend auf den Müll geworfen zu werden. Die Straße ist noch immer durch eine dicke Steinmauer blockiert und wurde in “Augen des Lebens” umbenannt. Der Tahrirplatz davor hat derzeit leichte Ähnlichkeit mit einem Festivalgelände oder einem größeren Berliner Wagenplatz (in meinen Vergleichen fällt mir durchaus ein gewisser Eurozentrismus auf, durch meine Sozialisation habe ich aber eben diese Assoziation).
Aus Planen und Decken haben sich die Menschen hier eine ziemlich große Zeltstadt errichtet… und das auf dem Knotenpunkt der Stadt… wo sonst 8-10 spurig sich der motorisierte und unmotorisierte Verkehr stinkend aneinander vorbei schiebt, sitzen nun Menschen um kleine Feuer und Feuertonnen herum, manche singen oder tun oder nichttun halt irgendwas anderes. An einer anderen Ecke (freilich, der Tahrir ist ein runder Platz…und hat bekanntlich nicht so viele Ecken) stehen Menschen vor einer selbstgebauten Bühne und hören Redner_innen zu, rufen Sprechchöre oder schlendern einfach Süßkartoffeln essendvorbei.
Wie kam es eigentlich dazu, dass der Tahrir jetzt wieder von hunderten (tausenden?) Menschen besetzt ist?
Nunja. Nach einer Großdemonstration am Freitag, dem 18. 11. entschlossen sich 60 Einzelpersonen dazu, dass sie über Nacht auf dem Platz bleiben wollen. Am Samstag kamen dann ungefähr 140 Leute ihre Freund_innen auf dem Tahrir besuchen. Da warens dann schon 200. Die Riot-Polizei entschloss sich daraufhin zur Räumung des Platzes, woraufhin weitere paar hundert Freund_innen der Besetzer_innen herbeieilten. Was folgte, waren die Bilder von tagelangen Straßenschlachten in den Nachrichten. Für mich war es, obwohl ich “nur” die letzten Tage davon miterlebte unglaublich, das zu sehen. Da wurde Nervengas gegen Demonstrant_innen eingesetzt, geschossen, zeitweise wirkte es, als würde der halbe Platz in Flammen und Nebel stehen, da waren eigens engagierte Kriminelle, die schlagend und überfallend ihr Unwesen trieben. Auch von versuchten Vergewaltigungen war die Rede.
Seither blicke ich relativ kritisch auf den stylischen popavantgardistischen “I love Riot”-Aufkleber an meinem Kühlschrank und frage mich, ob das ein Produkt aus sogenannten “Wohlstandskinderkreisen” ist.
Die anschließenden Wahlen in den ersten 7 Provinzen, zu dem der Stadtkern Kairos zählt, gingen genauso überraschend wie vorhersehbar aus. Meiner Meinung nach spiegeln sie die fühlbare Unsicherheit der Bevölkerung relativ gut wieder. Mit großem Vorsprung gewannen die gemäßigt islamistischen Muslimbrüder mit ihrer Partei “Für Freiheit und Gerechtigkeit” mit etwas mehr als 45%. Sie sind das Bekannte, sie arbeiten seit mehr als 80 Jahren in sozialen Bereichen und auf der Straße. Knapp gefolgt von den Salafist_innen mit 20%, die ihren Erfolg wohl Geldern vorrangig aus Saudi Arabien zu verdanken haben. Überraschend ist der Erfolg der liberalen und linken Parteien, die sich zu einer Bündnispartei zusammengeschlossen haben. Mit mehr als 20% bilden sie mindestens die drittstärkste Kraft. Die ebenfalls neue Partei der “Revolutionsjugend” hat zwar mit nur 3% der Stimmen nur mäßigen Erfolg, allerdings hatten die auch die wenigste Organisationszeit und die wenigsten Gelder zur Verfügung. In Zukunft werden sie wohl bündnisartig mit den Linken und Liberalen zusammen arbeiten.
Das Wahlsystem an sich ist wahnsinnig kompliziert und schwer verstehbar. Meine Freundin hat dazu aber für Interessierte einen gut recherchierten Beitrag geschrieben: http://victoria-in-cairo.blog.de/2011/11/26/revolutionaere-wahlen-12222027/. Ich frage mich oft, wie 40-50% Analphabet_innen in diesem Land dieses System verstehen sollen. Da war es auch geschickt von den Muslimbrüdern sich an den Wahltagen vor die Wahllokale zu stellen und den Leuten zu erklären, wen sie wählen sollen.
Ich hab keine Ahnung warum, aber weil die Salafist_innen mit den Linken und Liberalen etwa gleichauf waren, musste es in den letzten Tagen noch eine Stichwahl geben. Die war dann endgültig völlig paradox. Ich hörte die Geschichte einer koptischen Christin, die in ihrem Wahlbezirk noch die Auswahl hatte zwischen einem Muslimbruder und einem Salafisten. Die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ein anderer Bekannter hatte noch die Auswahl zwischen zwei Muslimbrüdern und schenkte sich den Wahlgang.
In unserem Wahlbezirk traten die Salafist_innen übrigens mit einem Plakat an, über das ich mir noch nicht sicher bin, ob ich darüber weinen oder lachen soll. Zu sehen sind darauf drei bärtige Islamisten und eine vollverschleierte Frau*, die kandidieren. Kurz darauf war die Frau* auf den Plakaten nicht mehr zu sehen, sondern wurde durch einen weiteren bärtigen Mann* ersetzt, mit der Unterschrift: “Hier kandidiert die Frau dieses Mannes”.
Wie auch immer die Wahlen jedoch genau ausgehen: Die Muslimbrüder werden sich, ob sie wollen oder nicht, mit den Linken und Liberalen gemeinsame Lösungen finden müssen, wollen sie das Land vor der wirtschaftlichen Verwüstung bewahren. Sie müssen gemeinsam eine Lösung der sozialen Frage finden und diese Veranwortung werden sie auch nicht allein tragen wollen.
Und das Militär? Das steckt, wie eingangs erwähnt, in einer tiefen Krise. Keine_r mag sie mehr. Selbst für eine pro-Militärregierung gerichtete Demonstration mussten sie Anhänger_innen bezahlen. Mehr und mehr wird das Militär nach quasi 60 Jahren Militärregierung in der arabischen Welt als Institution an sich kritisiert und in Frage gestellt. Diese altbackenen Generäle haben es schlicht und einfach nicht drauf, ein Land zu regieren. Die Wirtschaft ist hinüber, der Tourismus und die internationalen Investitionen sind dahin. Der Militärrat reagiert hingegen stetig mit Repression: in Militärgerichten wurden bislang über 12.000 Zivilist_innen, u.a. viele Blogger_innen zu teils jahrelangen Haftstrafen verurteilt, wobei das Militär die sagenhaft dumme Strategie fährt, gerade besonders bekannte Blogger_innen (wie Alaa Abd el-Fattah oder den Militärdienstverweigerer und Friedensaktivisten Michael Nabil) zu inhaftieren, was wiederum für jede Menge Aufmerksamkeit sorgt. Sie scheinen sich im Eigentor-schießen zu üben. Ansonsten scheinen sie keine klare Strategie zu verfolgen, sie reagieren stetig auf den Druck von der Straße und stoßen bei Versuchen ihre eigene Machtstellung zu festigen auf zu großen Widerstand um entsprechende Gesetze zu manifestieren. Und: sie sind intransparent wie kaum eine andere Institution und werden dadurch immer heftiger in die Kritik genommen.
Außerdem haben sich nach dem Sturz Mubaraks über 90 Gewerkschaften gegründet und eine nie dagewesene Streikwelle überflutet das Land, selbst die Staatsbeamten, wie etwa bei der ägyptischen Telekom, streiken teils wochenlang.
Die ägyptische Gesellschaft hat sich in den letzten Monaten hochgradig politisiert, wodurch es wohl auch in Zukunft egal sein wird, wer wie das Land regiert. Die Politik wird weiter auf der Straße ausgehandelt werden. Zumindest in dem Punkt bin ich optimistisch.
Nachdem ich vor ein paar Tagen zur Hauptzentrale der Antikenverwaltung auf Zamalek aufgebrochen bin - zu Fuß wohlbemerkt, habe ich, entgegen sonstiger vorrevolutionären Gewohnheiten dank eines Schreiben meines Profs meine Tasrih (Genehmigung) zur kostenfreien Altertümerbesichtigung usw. bekommen, die mir hoffentlich noch einige Türen öffnen wird. Auch für das Deutsche Archäologische Institut (DAI) habe ich jetzt einen Lichtbildausweis und so nutze ich hier meine Zeit, um nach einem einstündigem Weg am Nil entlang an die Nordspitze Zamaleks, eine längst ausstehende Hausarbeit in der hervorragenst ausgestatteten Bibliothek des DAI zu schreiben.
In Zamalek war ich letzte Woche auf eine Privatparty in einer Wohnung der amerikanischen Botschaft eingeladen. Dort gab es so viel Bier und Schnaps, dass wir die Ausgangssperre mal eben gekonnt umtrunken haben um schließlich bei Sonnenaufgang heim zu wankten.
Vorgestern war ich mit einigen Freund_innen in einer, für ihr billiges Bier bekannten Kneipe in Downtown (Horeya), es wurde dann schon nach 12 als wir von dort den Heimweg antraten und an der ersten Militärabsperrung wurden wir prompt angehalten und unsere Ausweise wurden kontrolliert. Mein Freund hatte seinen Ausweis natürlich vergessen, aber die Soldaten ließen mit sich reden und uns passieren. Die nächste Sperre sind wir umgangen, bis wir schließlich an der nächsten Militärkontrolle gestoppt wurden. Die wollten meinen Freund gleich mal da behalten, und es hat ne längere Diskussion, Taschenkontrollen und der Telefonnummer meines Verlobten bedarft, bis sie uns schließlich in ein Taxi zu mir setzten. Aber naja, die haben sich im Endeffekt wahrscheinlich auch gefreut, dass es mal was zu tun gibt und sie nicht die ganze Nacht gelangweilt am Panzer gelehnt nichtsnutzig auf der Straße herumstehen müssen. Ansonsten ist es eigentlich auch ein leichtes die Straßen- und Brückensperren zu umgehen, denn im Prinzip ist nur die Gegend um den Tahrir gesperrt. Trotzdem ist die Stadt zum Totlachen komisch, nachts wie ausgestorben und die Zombies der Nacht tummeln sich in den Hotelbars um der Ausgangssperre zu entkommen, denn die Kneipen und Diskotheken usw. schließen alle gegen Mitternacht.
Gestern bin ich mit 4 Freund_innen im Taxi zum Al Azhar Park am östlichen Ende der Altstadt gefahren. Zu sechst in einem Taxi hier durch die Stadt zu fahren ist natürlich kein Problem … solange mensch nicht an den Folgeerscheinungen eines übermäßigen Falafel-Konsums leidet. Freitags sind dort zwar sehr viele Menschen, aber der Park ist traumhaft schön. Er liegt auf einer Anhöhe, sodass mensch einen tollen Blick über die Altstadt und die Mokattam-Berge hat. Leider ist meine Kamera hier kaputt gegangen :-(
Der Park ist nahezu schockierend sauber und gepflegt, mit vielen bunten Blumen, schönen Bäumen mit Pärchen und so drunter, viel Wiese, kleinen Wasserfällen und angelegten Bächlein und einem kleinen See ist es dort wirklich idyllisch. Und es ist ne willkommene Abwechslung im versmogten, lauten und schmutzigen Kairo.
Und Donnerstag abend war ich mit Freund_innen in der Oper. Dort war eine Veranstaltung mit den Liedern der Revolution und einer Diskussion mit Ala el-Aswani. Dort war/ ist auch eine beeindruckende Fotoausstellung mit Bildern der Revolution, die ziemlich gut die Gefühle diese aufregenden Zeit widerspiegeln.
Als wir an der Oper ankamen, wurde diese bereits geschlossen, weil es einen sehr großen Menschenandrang gab. Einige haben sich davon allerdings nicht abhalten lassen und trugen passenderweise die Revolution an den Zaun der Oper. Es wurde gerüttelt, gerufen und mit Nachdruck die Öffnung der Tore gefordert, dem dann auch nachgekommen wurde. Gut für uns!
Ansonsten ist gerade eine unglaubliche Flut Deutsche_r, vor allem Berliner_innen in der Stadt. Mensch trifft sie überall….sogar zufällig. In meiner Wg sind wir schon 3 Berliner_innen und mein Verlobter fühlt sich auch schon wie ein Ausländer hier :-)
Proportional zum fallenden ägyptischen Pfund (er ist schon bei 8,40 für einen Euro angelangt!) scheint der Hunger/Appetit hier proportional zu steigen. Woran auch immer das liegen mag. Und mir geht es nicht allein so. Hier bekommt mensch die merkwürdigsten Heißhungerattacken: Vegetarier_innen, die plötzlich SOFORT Hühnchen essen wollen oder mein Freund, der in kürzester Zeit ein Glas Mayo mit Käse verdrückt hat. Ich habe als Veganerin Ei-Gelüste und bekomme nicht genug von den Süßigkeiten hier und Cola, die ich in Deutschland nie trinken würde. Und nicht nur das… es scheint auch ganz normal zu sein, pro Mahlzeit fünf bis sechs Falafel-, Foul, Shakshuka, Kartoffel-, Auberginen oder sonstigwas Sandwiches zu essen um eine Stunde später geplagt die nächste Bäckerei aufzusuchen. Irgendwas ist hier anders. Und irgendwas ist hier eh besser. Was auch immer.
Ich wünsche euch einen jasminigen Tag und schicke ne Portion Liebe mit Falafel und Ei und ägyptischer Schokolade rum.
Ein kurzes Update:
…. noch während ich gestern meinen letzten Beitrag schrieb, wurde der Tahrir vom Militär geräumt.
Grund dafür sind gewaltsame Ausschreitungen in den letzten Tagen zwischen Muslim_innen und Christ_innen gewesen, weil in Oberägypten wohl eine Kirche angezündet wurde. Mehr darüber weiß ich leider nicht, nur dass heute wieder demonstriert wurde/ wird. (Falls irgendwer ein paar bessere Informationen als ich hat, bitte auf “Submit” klicken und kommentieren!)
In meinem Stadtteil bin ich bisher ziemlich sicher, aber dadurch, dass es keine Polizei mehr gibt, häufen sich Berichte von nächtlichen Raubüberfällen, (versuchten) Vergewaltigungen, Bedrohungen, Belästigungen usw. Wer die Ausgangssperre allerdings befolgt und sich nachts nicht allein in unbeleuchteten Gassen bestimmter Viertel umhertreibt, dürfte vor soetwas aber sicher sein.
Soviel erstmal. Es ist noch immer kalt. Und dieser Zombie Gaddafi sollte sich endlich ne Kugel geben.
Solidarität mit unseren Nachbar_innen in Libyen!