Back to Staub-City
Ich habe Berlin „Hauste rin!“ jesacht und sitze nun in meiner neuen Wohnung im Herzen Kairos, mit dessen Puls ich mal wieder leicht überfordert bin. Plötzlich muss mensch wieder aufpassen nicht bei jeder Straßenüberquerung zu Menschenmus verarbeitet zu werden oder an den Abgasen zu ersticken.
Der Umzug hierher hat sich final schließlich ziemlich überschlagen. Da wurde erst mit viel Hilfe last minute gepackt, dann mit 11 meiner liebsten Freund_innen, die wir eine tolle Fußballmann*schaft abgegeben hätten zum Flughafen eskortiert und dann wandelte sich das Sterni aufm Weg plötzlich zu einem Stella auf meinem neuen Balkon in Kairo. So ändert sich das Leben.
Ich wohne jetzt mit meinem zukünftigen Mann in einer traumhaft schönen Wohnung im Stadtteil Dokki, was ansich schon ein Skandal ist. Nicht, dass wir in Dokki wohnen, sondern eher, dass wir unverheiratet zusammen leben. Sowas darf hier natürlich niemensch wissen… merkt aber auch niemensch, solange mensch einen güldenen Ring am richtigen Finger trägt und den Schein wahrt. Dauert wohl noch eine Weile, bis die Revolution auch bis in die tief tabuisierten Zonen der Köpfe der Menschen vordringt.
Die Skurilitäten dieser Stadt nehme ich mal wieder mit größter Belustigung war. Da sitzt mensch wieder umringt von lauter Ahmeds in der Kneipe und erlebt wahrlich chaotische Zustände, wenn zwei berüchtigte Bürokratiesysteme aufeinander treffen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein gutes Beispiel dafür ist die deutsche Botschaft in Kairo. Dutzende, wild verteilte Stempel auf einem A4-Blatt treffen hier auf penibelste Einhaltung der Uhrzeit, zu der mensch an einen bestimmten Schalter bestellt wurde.
Irgendwann machten wir uns heute auf die Suche nach einer geeigneten Topfpflanze, der wir in unserer Wohnung Smog-Asyl gewähren wollten. Nach einiger Suche fanden wir ein prächtiges Stück: gesunde Blätter in sattem grün in schönem Topf. Wir fragten den Verkäufer, ob wir uns das Objekt unserer Begierde denn mal näher betrachten könnten und stellten dann doch einen leichten Mangel fest: im Topf war keine Erde und der Pflanze fehlten die Wurzeln. Der Verkäufer wirkte leicht verwundert, dass wir so kleinlich sind, darüber nicht hinweg schauen zu können. So schlimm sei das schließlich nicht. Dennoch beschlossen wir, lieber doch noch mal woanders zu schauen. Wir fanden schließlich ein monströses Stück und ich danke der hohen Arbeitslosigkeit in Ägypten, dass sich immer bereitwillig ein junger Mensch findet, der sich für ein paar Pfund dazu bereit erklärt, selbst solch einen Giganten von Topfpflanze samt Wurzeln, zu uns nach hause in den 5. Stock zu tragen.
Am Zeitungskiosk ereignete sich dann heute eine eher unschönere Begebenheit. Ich kaufte mir die aktuelle Ausgabe der EgyptToday (www.EgyptToday.com), die zu meinem Erstaunen beispielsweise über weibliche Fußballerinnen, die um Akzeptanz kämpfen, neue Subkulturen in Ägypten oder auch Recycling schreibt. Als ich aufblickte sah ich eine junge Ägypterin, die allein die Straße entlang lief und „trotz“ Kopftuch total selbstbewusst und modern wirkte. Es möge an den sexistischen Grundvorstellungen der Gesellschaft gelegen haben, dass sie wenige Sekunden später von 3 Typen übel beleidigt und angegriffen wurde und ihr das Kopftuch von denen abgezogen wurde. In solchen Momenten wünsche ich mir manchmal einen Slutwalk in Kairo, damit vielleicht endlich mal klar wird, dass kein Mann* das Recht hat, eine Frau* zu beleidigen, übergriffig zu werden oder sonstwas, weil ihr Kleidungsstil ihm in irgendeiner Weise nicht passt oder er sich zu irgendwas plötzlich „eingeladen“ fühlt.
Vor Übergriffen kann sich eine Frau*/ Betroffene nunmal nicht durch Kleidung „schützen“. Auch ein Gesichtsschleier bewahrt sie nicht vor sexistischer Kackscheiße. Einzig und allein ein Mann*/ Täter kann sich selbst davor schützen übergriffig zu werden.

zumindest die Revolutions- T-shirt Verkäufer_innen sind noch am Tahrir
Sonnige Grüße.