Ja….Regen! Aber dazu später.
Am Wochenende bin ich nach wenig Schlaf und immerhin 35°C nach Dashur, Memphis und Sakkara aufgebrochen. Kaum fährt mensch aus der brodelnden Metropole Kairo heraus, ist mensch quasi schon in Oberägypten. Ein Leben neben und auf den Müllbergen der Stadt, in kleinen Hütten mit Tieren: Schafherden, die einen Weg entlang getrieben werden oder im Schatten ruhen, Kamele, die als kleine Karawanen die Ernte tragen, große, starke Büffel, die gemächlich auf der Straße entlang laufen und vollbepackte Eselskarren. Es scheint, als wären die Darstellungen in den Gräbern dieser knapp 5000 Jahre alten Nekropole mit den Pyramiden des Alten Reiches hier noch immer lebendig. Abgesehen vom Plastikmüll.
Die Darstellungen in den Gräbern Sakkaras weichen wirklich kaum vom Leben der heutigen Bäuer_innen ab und ich bin nach wie vor arg beeindruckt vom Detailreichtum in diesen. Da sind kleine Frösche, die durch das Papyrusdickicht der Nilpferdjagd hüpfen (auch wenn es heute keine Nilpferde mehr hier gibt), hier und dort ist ein kleiner Schmetterling oder ein Esel, der aus der Reihe der anderen ausbricht, um sich einen kleinen Snack zu gönnen usw. zu sehen. Wer mal Sakkara besucht, sollte sich auch ohne Hintergrundwissen die Zeit nehmen, sich diese wunderschönen Reliefs genauer anzusehen und nicht nur als gehetzte_r Tourist_in schnell ein Foto machen und wieder ins klimatisierte Taxi zum nächsten Ort springen. Traurigerweise musste ich feststellen, dass sie Grabstatue des Ti tatsächlich aus dem Serdab seiner Mastaba während der Revolution gestohlen wurde :-(
Obwohl ich auch in Dashur schonmal war, habe ich diesmal das erste Mal den Schacht ins Innere der Roten Pyramide erklommen. Diese wurde, wie auch die bekanntere “Knickpyramide” von Snofru in der 4. Dynastie errichtet. Zum Erstaunen mancher, muss ich nun aber mal gestehen, dass ich Pyramiden von Innen eigentlich gar nicht so sehr mag. Die stinken nämlich! Die Rote Pyramide kann mensch sich, wenn nicht nerdisch veranlagt, auch gewissenlos sparen. Mensch läuft nämlich erst ewige Stufen nach oben, um dann hunderte Meter in nem Schacht, der kaum mehr als einen dreiviertel Meter hoch und einen Meter breit ist herabzusteigen, (unzählige Male kann es dabei passieren, sich den Kopf zu stoßen…. ma, und meine Beine! Nie in meinem Leben hatte ich einen schmerzhafteren Muskelkater, als nach dieser Tortur!) um final in der Galerie/ Grabkammer anzukommen, in der es dann so erbärmlich nach Urin und Schimmel stinkt und dazu stickig-heiß ist, dass mensch es kaum ertragen kann. Vielmehr als die verschiedenen farblichen Varia von Schimmel sind hier auch nicht zu bestaunen. Keine Inschriften, keine Bilder, keine Reiefs. Nix. Nur viele Steine und Schimmel.
Mein Besuch und mein Verlobter waren trotzdem begeistert. Sie haben all das vorher noch nie gesehen (übrigens hätte ich mich sonst auch nie dazu hinreißen lassen, all diese Stätten an einem langen Tag zu besichtigen und rate auch davon ab…. obwohl es mit der nötigen Kondition schon zu schaffen ist). Am nächsten Tag gings dann zum gefühlt hundertsten Mal ins Museum - es ist immer wieder spannend für mich.
Da Freitag war, bin ich nach nem gigantischen Abendessen wieder zum Tahrir. Dort haben wieder Tausende und abertausende Menschen demonstriert. Auf dem Platz kann mensch sich, wie zu einer Fußballweltmeisterschaft mit sämtlichen Utensilien in den Farben rot-weiß-schwarz eindecken: angefangen von T-Shirts mit den den Aufschriften “I love Egypt”, “Ich bin stolz Ägypter zu sein” oder “Revolution 25. Januar (Beginn der Revolution) - Ich bin frei” usw. bis zu Bändchen, Buttons, Tassen, Schildchen, Fahnen, Autoschildern und anderem Nippes. Meinem Freund wurden von einem fliegenden “Künstler” mit kleinen Farbtöpfen und einem Pinsel in windeseile gleich drei Ägypten-Flaggen auf Wangen und Kinn und ein “masr” (Ägypten)- Schriftzug auf die Stirn gemalt :-)
Dass die Proteste und Massendemonstrationen weiterhin allerdings mehr als nötig sind, zeigen allein eigene Beispiele dieses Tages: Am Ende unserer Tour in Sakkara waren wir ziemlich spät dran, unsere Fahrer hatte Angst, dass wir entführt werden könnten und musste am Ende 20 Pfund Bestechungsgeld an die Polizei zahlen. Ebenso mein Verlobter, der als Ägypter keine Genehmigung hat, mit Ausländer_innen an touristischen Plätzen wie Sakkara unterwegs zu sein. Und ich habe so gehofft, dass die Korruption seitens der Polizei nach der Revolution endlich ein Ende hat… aber auch das Militär übernimmt jetzt gern die Arbeit der abgesetzten Sicherheitspolizei und foltert fleißig Aufständische im Museum, wie hier in einem TAZ-Artikel nachzulesen ist: http://www.taz.de/1/netz/netzkultur/artikel/1/das-ende-der-kuesse/
Hach ja: und der Regen! Nachdem ich auf meiner letzten Reise wegen des ersten Regens seit 17 Jahren in Assuan schon wegen Überschwemmungen und resultierenden 20-stündigen Straßensperrungen meinen Flug nach Deutschland verpasst habe, hat es heute (vor zwei Wochen hat es bereits einen zweiminütigen Schauer gegeben) den halben Tag geregnet und stellenweise sogar Eisbälle gehagelt. Im April - hier ist was los! Wie mensch sich vorstellen kann, führt das hier zu nem nehezu haltlosen Chaos: Straßen sind überschwemmt und unser Büro (Kellergeschoss) stand nach wenigen Minuten Regen so schnell unter Wasser, dass ich mich für morgen auf ne Poolparty im Klassenzimmer einstelle. Naja. Zumindest freuen sich viele Ägypter_innen über Regen: macht die Stadt sauber und is mal was Neues.
Alles Liebe!