Menschen, Esel und Kamele

Monat

März 2011

8 Einträge

Die Revolution fängt bei der Zigarette an...und dem Gendergap.

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Dieser junge Mann hat vor einigen Tagen eine Laterne am Tahrir erklommen und mir erlaubt, dieses Foto zu veröffentlichen. In diesem Sinne: Solidarität mit Libyen…. Gaddafi absägen! Außerdem wohne ich in Hörweite der syrischen Botschaft, auch dort sind (fast) täglich Proteste. Und ich mach meine eigene emanzipatorisch-feministische Revolution auf der Straße, indem ich öffentlich als Kopftuchträgerin rauche. Skandal! Erst vor ein paar Tagen wurde ich von ein paar Halbwüchsigen mal wieder als Hure beschimpft…. mit Anspielung auf den Glimmstängel in meiner Rechten. Wie einfach es hier doch ist, aus der Geschlechterrolle zu fallen. Und ich denke mir jedesmal: Jetzt erst recht! und rauche als Frau (nochmal: Skandal!) trotzdem auf der Straße. Irgendjefrau muss ja mal damit anfangen. Meine Grundstufenklasse benutzt bereits den (das?) Gendergap (diesen wunderschönen Unterstrich, z.B. bei Lehrer_in) und mit meiner fortgeschrittenen Frauen*klasse übersetze ich den Aufruf der internationalen Frauen*kampftag Demo, spreche mit ihnen über Frauen*rechte und schaue mit ihnen Filme, wie Fatih Akins “Auf der anderen Seite”. Auch “Deine-Mudder-Witze” auf deutsch und arabisch bringen wir uns gegenseitig bei… das ist doch mal Kulturaustausch! Jetzt freue ich mich erstmal auf meinen heutigen Besuch aus Israel… liebste Grüße!

Mar 30, 2011
#Revolution #Tahrir #Belästigung #Feminismus
Der operale Heißhunger der Revolution

Nachdem ich vor ein paar Tagen zur Hauptzentrale der Antikenverwaltung auf Zamalek aufgebrochen bin - zu Fuß wohlbemerkt, habe ich, entgegen sonstiger vorrevolutionären Gewohnheiten dank eines Schreiben meines Profs meine Tasrih (Genehmigung) zur kostenfreien Altertümerbesichtigung usw. bekommen, die mir hoffentlich noch einige Türen öffnen wird. Auch für das Deutsche Archäologische Institut (DAI) habe ich jetzt einen Lichtbildausweis und so nutze ich hier meine Zeit, um nach einem einstündigem Weg am Nil entlang an die Nordspitze Zamaleks, eine längst ausstehende Hausarbeit in der hervorragenst ausgestatteten Bibliothek des DAI zu schreiben.

In Zamalek war ich letzte Woche auf eine Privatparty in einer Wohnung der amerikanischen Botschaft eingeladen. Dort gab es so viel Bier und Schnaps, dass wir die Ausgangssperre mal eben gekonnt umtrunken haben um schließlich bei Sonnenaufgang heim zu wankten.

Vorgestern war ich mit einigen Freund_innen in einer, für ihr billiges Bier bekannten Kneipe in Downtown (Horeya), es wurde dann schon nach 12 als wir von dort den Heimweg antraten und an der ersten Militärabsperrung wurden wir prompt angehalten und unsere Ausweise wurden kontrolliert. Mein Freund hatte seinen Ausweis natürlich vergessen, aber die Soldaten ließen mit sich reden und uns passieren. Die nächste Sperre sind wir umgangen, bis wir schließlich an der nächsten Militärkontrolle gestoppt wurden. Die wollten meinen Freund gleich mal da behalten, und es hat ne längere Diskussion, Taschenkontrollen und der Telefonnummer meines Verlobten bedarft, bis sie uns schließlich in ein Taxi zu mir setzten. Aber naja, die haben sich im Endeffekt wahrscheinlich auch gefreut, dass es mal was zu tun gibt und sie nicht die ganze Nacht gelangweilt am Panzer gelehnt nichtsnutzig auf der Straße herumstehen müssen. Ansonsten ist es eigentlich auch ein leichtes die Straßen- und Brückensperren zu umgehen, denn im Prinzip ist nur die Gegend um den Tahrir gesperrt. Trotzdem ist die Stadt zum Totlachen komisch, nachts wie ausgestorben und die Zombies der Nacht tummeln sich in den Hotelbars um der Ausgangssperre zu entkommen, denn die Kneipen und Diskotheken usw. schließen alle gegen Mitternacht.

Gestern bin ich mit 4 Freund_innen im Taxi zum Al Azhar Park am östlichen Ende der Altstadt gefahren. Zu sechst in einem Taxi hier durch die Stadt zu fahren ist natürlich kein Problem … solange mensch nicht an den Folgeerscheinungen eines übermäßigen Falafel-Konsums leidet. Freitags sind dort zwar sehr viele Menschen, aber der Park ist traumhaft schön. Er liegt auf einer Anhöhe, sodass mensch einen tollen Blick über die Altstadt und die Mokattam-Berge hat. Leider ist meine Kamera hier kaputt gegangen :-(

Der Park ist nahezu schockierend sauber und gepflegt, mit vielen bunten Blumen, schönen Bäumen mit Pärchen und so drunter, viel Wiese, kleinen Wasserfällen und angelegten Bächlein und einem kleinen See ist es dort wirklich idyllisch. Und es ist ne willkommene Abwechslung im versmogten, lauten und schmutzigen Kairo.

Und Donnerstag abend war ich mit Freund_innen in der Oper. Dort war eine Veranstaltung mit den Liedern der Revolution und einer Diskussion mit Ala el-Aswani. Dort war/ ist auch eine beeindruckende Fotoausstellung mit Bildern der Revolution, die ziemlich gut die Gefühle diese aufregenden Zeit widerspiegeln.

Als wir an der Oper ankamen, wurde diese bereits geschlossen, weil es einen sehr großen Menschenandrang gab. Einige haben sich davon allerdings nicht abhalten lassen und trugen passenderweise die Revolution an den Zaun der Oper. Es wurde gerüttelt, gerufen und mit Nachdruck die Öffnung der Tore gefordert, dem dann auch nachgekommen wurde. Gut für uns!

Ansonsten ist gerade eine unglaubliche Flut Deutsche_r, vor allem Berliner_innen in der Stadt. Mensch trifft sie überall….sogar zufällig. In meiner Wg sind wir schon 3 Berliner_innen und mein Verlobter fühlt sich auch schon wie ein Ausländer hier :-)

Proportional zum fallenden ägyptischen Pfund (er ist schon bei 8,40 für einen Euro angelangt!) scheint der Hunger/Appetit hier proportional zu steigen. Woran auch immer das liegen mag. Und mir geht es nicht allein so. Hier bekommt mensch die merkwürdigsten Heißhungerattacken: Vegetarier_innen, die plötzlich SOFORT Hühnchen essen wollen oder mein Freund, der in kürzester Zeit ein Glas Mayo mit Käse verdrückt hat. Ich habe als Veganerin Ei-Gelüste und bekomme nicht genug von den Süßigkeiten hier und Cola, die ich in Deutschland nie trinken würde. Und nicht nur das… es scheint auch ganz normal zu sein, pro Mahlzeit fünf bis sechs Falafel-, Foul, Shakshuka, Kartoffel-, Auberginen oder sonstigwas Sandwiches zu essen um eine Stunde später geplagt die nächste Bäckerei aufzusuchen. Irgendwas ist hier anders. Und irgendwas ist hier eh besser. Was auch immer.

Ich wünsche euch einen jasminigen Tag und schicke ne Portion Liebe mit Falafel und Ei und ägyptischer Schokolade rum.

Mar 26, 2011
#Revolution #Ägyptologie #Party #Militär
Die Enttäuschung des Verfassungsreferendums

Vorgestern abend um 20 Uhr wurde das Ergebnis des Referendums am Samstag bekannt gegeben. Demnach haben 41 % der Wahlberechtigten, das sind also 18,5 von 85 Millionen Ägypter_innen (ca. 45 Millionen sind wahlberechtigt), ihre Stimme abgegeben. Davon haben 77,2% für “ja” gestimmt, also die Verfassung angenommen und der Rest, also 4 Millionen Ägypter_innen haben für “nein” gestimmt.

Im Vorfeld des Referendums wurde zwar befürchtet, dass die Verfassung angenommen werden könnte, aber die Stimmung sprach, zumindest hier in Kairo deutlich dagegen. In der letzten Woche drehte sich hier, selbst auf öffentlichen Toiletten alles um die eine Frage. “Ja oder Nein?”. Die Antwort schien ganz klar zu sein. Nein. Klar: Nein! Die Stadt ist derzeit von unendlich vielen “La!” (Nein!)- Plakaten gesäumt, die Menschen verteilten Flyer, es gab Infoveranstaltungen an der Uni, die die Hörsäle nahezu bersten ließen und nicht zuletzt waren die Proteste am Tahrir die letzten Tage von La- Schriftzügen geprägt und die Demonstrationen am Freitag, haben die Millionenmarke auch wieder überschritten. Dann sind da noch die Kopt_innen, die mit überwiegender Mehrheit mit “Nein” gestimmt haben müssten, denn laut Artikel 2 der Verfassung ist Ägypten ein islamischer Staat und der Islam ist Staatsreligion. Ich habe außerdem häufiger gehört, dass viele Kopt_innen, vorrangig in Oberägypten gar nicht zu den Wahlbüros durchgelassen wurden und die Vermutung macht sich breit, dass diese ersten freien Wahlen gar nicht so frei waren. Wer weiß.

Wie dem auch sei… die alte Verfassung samt Artikel 2 und neuem Schmuck von 6 geänderten Artikeln bleibt, wodurch beispielsweise die Amtszeit der künftigen Präsidenten (im Übrigen muss der nach der neuen Verfassung männlich sein, ägyptische Eltern und eine ägyptische Frau haben) auf maximal 4 Jahre beschränkt wird und nur einmal wiedergewählt werden darf. Auch das Notstandsgesetz darf nur nach einer Volksabstimmung für länger als 6 Monate verhängt werden und nun ist der Weg frei für Neuwahlen im September.

Ja, im September. Nach Adam Riese verbleiben nun noch 6 Monate um in einem bisher politisch völlig unterdrücktem Land ohne organisierter Opposition gefestigte Parteien zu etablieren…. das heißt: eine starke und organisierte Oppositionspartei gibt es schon: die viel diskutierten Muslimbrüder, die verständlicherweise zur Annahme der Verfassung aufgerufen haben, da sie, ebenso wie alte Mubarak-Kadar von schnellen Neuwahlen durch ihre bessere Organisation vor allem in Dörfern und Armenvierteln profitieren würden.

Schade… in mir und vielen anderen tut sich das Gefühl auf, die Revolution ist jetzt irgendwie kaputt gegangen.

Kaputt gegangen scheint auch eine Person zu sein, die ich neulich traf: er ist überzeugter Mubarak Anhänger und meint die Menschen bräuchten nur essen, ne Wohnung und Tourist_innen und Frieden gabs ja mit Mubarak auch… armer verwirrter Ägyptologe.

Auch hörte ich von einer Frau, die am Tamponverbot für Frauen (wen auch sonst?) festhält… es sei schlicht und ergreifend zu schändlich, sich “dort” etwas hineinzustopfen. Von diesen Geschichten könnte ich noch dutzende niederschreiben. Selten habe ich eine Gesellschaft erlebt, in der nahezu pausenlos über Politik diskutiert wird. Manchmal kommt halt auch Käse dabei raus.

Auf Arbeit habe ich jetzt noch eine kleinere Klasse Frauen übernommen, die schon sehr gut deutsch sprechen und mit denen ich eben auch vor allem über Frauen*rechte, Demos in Berlin und dem Rest Deutschlands und überhaupt Politik diskutiere.

Ansonsten habe ich einen täglichen Nahrungsbedarf von ner arabischen Großfamilie und entdecke jeden Tag neue Köstlichkeiten…

Liebe Grüße….. und fühlt euch frei zu kommentieren, diskutieren, zu fragen, träumen oder sonstwas. Wäre schade, wenn dieser Blog ein “Ein-Personen-Projekt” bleibt.

Mar 22, 2011
#Revolution #Verfassung #Wahlen #Frauen*
Kuchen, Kopt_innen und Protest

Ägyptischer Kuchen ist großartig. Und Kuchen und Gebäck sind eine der fantastischsten Dinge, die eine Verlobung so mit sich bringt… neben verschiedenen Einladungen zu anderen Köstlichkeiten, die von begabten Händen der Verwandtschaft zubereitet werden. Hmmmmm.

Bei einem Spaziergang mit meinem Verlobten bin ich vor wenigen Tagen an der Medienanstalt vorbeigekomen, wo die Kopt_innen seit längerer Zeit allgemein gesagt für gesellschaftliche Gleichstellung protestieren. Dort findet mensch ein recht nettes bis skuriles Ambiente vor: Sie haben sich zwischen dutzenden Panzern die sie umgeben und Scharfschützen (ich hab zwei gesehen) provisorisch und dennoch leidenschaftlich eingerichtet. An den Rändern haben sie sich aus Decken, Stangen und Stöcken kleine Hütten zum Ruhen und Schlafen gebaut, die mit Kreuzen und christlichen Motiven geschmückt sind. Kreuze finden sich hier so ziemlich überall, ob an Wangen gemalt oder aus zwei einfachen Stöcken zusammengesteckt oder gebunden bis zu künstlerisch gestalteten „zwölffingrigen“ Kreuzen aus wertvollerem Zeug. Auch haben sie eine große Bühne mit mehreren Lautsprechern, auf der gesungen wird und Reden gehalten werden. Wie am Tahrir gibt es hier auch Essen und Getränke an kleinen Ständen, die Stimmung ist ruhig bis freudig und dennoch nachdrücklich und an den panzergesäumten Zugängen kontrollieren Freiwillige die Taschen um einen friedlichen Protest zu gewährleisten. Dies dürfte wohl im Interesse aller sein.

Meine Hauptkolleg_innen auf Arbeit sind zu zweidrittel auch koptische Christ_innen und da diese sich gerade in der Fastenzeit befinden, was bedeutet, dass sie keine tierischen Produkte konsumieren dürfen, bekommen wir zur Zeit ab und an super-leckeres veganes Essen aus der Kirche ums Eck. :-)

Überhaupt macht meine Arbeit bei der „Reach Out- Development Egypt” NGO sehr viel Spaß. Die Klasse, die ich unterrichte (9 Personen, davon 2 Ägyptolog_innen) ist mega wissbegierig und es bereitet mir viel Freude deutsch zu unterrichten. Und das Klima dort ist eh super entspannt, offen und witzig.

Außerdem hab ich schon zwei Parteizentralen besucht: die der rechts-liberalen Al-Wafd Partei und der linken Tagamma-Partei, in der ich einer bekannten ägyptischen Feministin vorgestellt wurde. Während sich das Gebäude der Tagamma-Partei äußerlich nicht grundlegend von einem Mietshaus oder einem gewöhnlichen Verwaltungsgebäude unterscheidet, ist die Zentrale der Al-Wafd nahezu ein Palast. was auch immer mensch davon halten mag.

An dieser Stelle muss allerdings mit Nachdruck betont werden, dass sich die Begriffe „links“ und „rechts“ bzw. „rechtsliberal“ deutlich und grundlegend von dem zu unterscheiden scheinen, was Menschen im Allgemeinen in Deutschland darunter verstehen. Das ganze ist allerdings auch zu komplex um es hier genauer zu erläutern.

Mein Frühstück auf unserem Sonnenbalkon (das Wetter ist wieder „typisch ägyptisch”) heute Morgen wurde von einer Demonstration vorm Haus begleitet (einer der vielen Streiks gerade, glaub ich). Am Samstag steht hier die Abstimmung über die „neue“ Verfassung an, die gar nicht so neu ist, denn es wurden lediglich sechs Artikel geändert bzw. hinzugefügt und in der verfassungsbildenden Versammlung befindet sich undemokratischerweise nicht eine einzige Frau. Die meisten Oppositionellen und sowieso rufen daher mehr als berechtigt, wie ich finde, zur Ablehnung der Verfassung auf.

Tja… ansonsten hab ich ein wirklich schönes, sattes und bescheidenes Leben in dieser unendlich spannenden, pulsierenden, sternlosen- dafür smog- und sonnenreichen Giga-Metropole Kairo.

Und nochwas: Reißt der Regierung den Arsch auf. ATOMAUSSTIEG JETZT!

Alles Liebe!

Mar 16, 20114 notes
#Revolution #Ver #Verfassung
Der (auf)geräumte Tahrir

Ein kurzes Update:

…. noch während ich gestern meinen letzten Beitrag schrieb, wurde der Tahrir vom Militär geräumt.

Grund dafür sind gewaltsame Ausschreitungen in den letzten Tagen zwischen Muslim_innen und Christ_innen gewesen, weil in Oberägypten wohl eine Kirche angezündet wurde. Mehr darüber weiß ich leider nicht, nur dass heute wieder demonstriert wurde/ wird. (Falls irgendwer ein paar bessere Informationen als ich hat, bitte auf “Submit” klicken und kommentieren!)

In meinem Stadtteil bin ich bisher ziemlich sicher, aber dadurch, dass es keine Polizei mehr gibt, häufen sich Berichte von nächtlichen Raubüberfällen, (versuchten) Vergewaltigungen, Bedrohungen, Belästigungen usw. Wer die Ausgangssperre allerdings befolgt und sich nachts nicht allein in unbeleuchteten Gassen bestimmter Viertel umhertreibt, dürfte vor soetwas aber sicher sein.

Soviel erstmal. Es ist noch immer kalt. Und dieser Zombie Gaddafi sollte sich endlich ne Kugel geben.

Solidarität mit unseren Nachbar_innen in Libyen!

Mar 10, 2011
#Tahrir #Revolution #Militär
Es ist kalt in Ägypten.

Ja wirklich. In Kairo sind heute gerade mal 17 Grad und wir frieren. Sehr.

Gestern bin ich, zum internationalen Frauen*kampftag mit großen Erwartungen zum Tahrir gegangen, aber irgendwie war da nix… also zumindest nix, was was mit Frauen*rechten oder so zutun hat. In den letzten Tagen werden es allerdings wieder zunehmend mehr Menschen auf dem Tahrir und vor der Medienanstalt richten sich Kopt_innen wie es scheint dauerhaft, mit Hütten und so ein. Ich hoffe, wir werden hier nicht von plötzlichen Schneefällen überrascht, bei der derzeitigen Lage weiß mensch ja nie :-)

Mit den Temperaturen scheint auch das ägyptische Pfund immer weiter in den Keller zu klettern. Während ich im Januar noch 7, 30 Pfund für nen gewechselten Euro bekommen habe, sinds jetzt schon 8, 20 EGP. Das macht bereits eine Falafel pro gewechselten Euro mehr…

Zur Zeit ist ganz Kairo regelrecht geblockt, denn seit ein paar Tagen ist die größte und bedeutenste Brücke des Landes (die 6th octobre Bridge) von Demonstrant_innen blockiert und das Verkehrschaos ist krasser, als es sowieso schon täglich ist. Täglich gibt es auch Solidaritätskundgebungen und Demonstrationen mit den Aufständischen in Libyen.

Und das Beste zum Schluss: Ich bin seit Kurzem verlobt und werde nächstes Jahr, insha allah hier in Ägypten heiraten. :-)

Beste Grüße und alles Liebe!

Mar 9, 2011
Besucht Ägypten! Don't call it unsave!

 Gestern war ich nach den Gebeten wieder den gesamten Tag auf dem Tahrir Platz - zusammen mit 2 Millionen Menschen (laut Al Djazeera). Für viele wird so eine Menschenmenge wohl kaum vorstellbar sein. Im Prinzip ist die Stimmung dort wie ein gewaltiges Volksfest: es wird getanzt, gesungen, es gibt viele Bühnen auf denen Menschen Reden halten oder musikalisch auftreten. Gestern habe ich auf dem Platz einen sehr netten Menschen kennengelernt, der mir stundenlang total geduldig viel auf arabisch beigebracht hat (vor allem auch lesen). Dabei war mal wieder super-hilfreich, dass er weder englisch noch deutsch spricht und mich mit Süßigkeiten, Süßkartoffeln, Tee usw. versorgt hat. Am späteren Abend wurde es etwas unruhig auf dem Tahrir (nicht unsicher!)…. rennende Menschenmassen, ein paar Schlägereien… soviel ich mitbekommen habe, streiten sich einige darüber, ob es Sinn macht, weiterhin auf dem Tahrir zu bleiben oder zu gehen und gegebenenfalls später wieder zu kommen, immerhin seien viele Forderungen der Demonstrant_innen erfüllt wurden… Mubarak weg, Schafik samt Regierung weg, neue Verfassung wird ausgearbeitet usw. aber auch, als ich zwischenzeitlich ohne „Begleitung“ auf dem Tahrir war, gab es in „brenzlichen Momenten“ immer Menschen, die zu mir kamen, versicherten dass ich sicher bin und ein Auge auf mich warfen. Dabei ging mir folgender Gedanke durch den Kopf: ich muss auf mich aufpassen. Nicht, weil ich eh auf mich aufpassen muss, sondern weil hier ne Menge davon abhängt, dass mir nichts passiert. Ägypten ist, bei der derzeitigen - nennen wir sie ruhig disaströsen Wirtschaftslage momentan mehr denn je darauf angewiesen, dass die Tourist_innen zurückkommen. Jede schlechte Presse über Vorfälle mit Ausländer_innen wären furchtbar für die Ägypter_innen und das wissen sie auch und geben sich gerade jetzt besonders viel Mühe, auf Ausländer_innen zu achten und so wurde ich auch gestern wieder von zwei Ahmeds sicher nachhause gebracht.

Kurzum: ich fühle mich sehr wohl hier und sehr SICHER. Vorgestern habe ich außerdem mit meinem Freund hier einen Park am Nil gefunden. Ja, einen Park. Mitten in Kairo! Unglaublich… ein Fleckchen ruhiges grün in dieser lauten, betonierten, staubigen Metropole. Traumhaft. Entsprechend sitzen dort viele junge Pärchen im Schatten von Bäumen, Kinder spielen Fußball. Wunderbar.

Später haben wir uns mit zwei Freund_innen, die zusammen mit mir in Berlin studiert haben in einer Kneipe zum Biertrinken getroffen. Damit beantwortet sich auch eine häufig gestellte Frage: Die Geschäfte, Cafés usw. sind alle geöffnet. Als wir schließlich irgendwann mit dem Auto nach hause fahren wollten, war das gar nicht so leicht, denn die Innenstadt war fast komplett mit Panzern zugesperrt.

Und zu guter letzt: verwundert nehme ich das Kälteempfinden mancher Ägypter_innen wahr… da gibt es doch tatsächlich Menschen, die in Wintermänteln mit dicken Pullis umherlaufen. Gut, es ist Winter - und es sind nur 25 bis 30 Grad, aber ist das ein Grund für dicke Wintermäntel?

Mar 5, 2011
Der Tahrir Platz und der alltägliche Wahnsinn

(2. 3., veröffentlicht am 3.3. 2011)

Während die alte, ausgebrannte, schwarzverkohlte Parteizentrale Mubaraks wie das alte Regime selbst auf den Tahrir blickt, entsteht hier ein neues gemeinsam geschaffenes Ägypten.

Es ist spannend zu sehen, wie die Ägypter_innen sich selbst und den Platz organisieren: Da regeln Freiwillige den Verkehr, da verkaufen Menschen Tee, Essen, Wasser etc. auf Spendenbasis, es gibt Leute die Fahnen, Bänder und Schildchen und Flyer verteilen, dazwischen Menschen mit Schildern, die Reden halten und ringsherum dutzende Menschen, die den jeweiligen Redner_innen gespannt zuhören und dazwischen rufen und/ oder Handys hochhalten um alles aufzuzeichnen. Es sind dutzende, wenn nicht hunderte Zelte und Planen aufgebaut, in denen diskutiert, Kraft getankt und nachts noch immer geschlafen wird. Auch sieht Mensch dort Menschen herumlaufen, die Müll aufsammeln oder den Platz fegen und dafür sorgen, dass der Tahrir der wohl sauberste Platz Kairos derzeit ist (abgesehen vom Opernplatz, der wahrscheinlich sogar täglich desinfiziert wird). Immer wieder bilden sich Gruppen von meist jungen Ägypter_innen die vom Tahrir aus in spontanen Demonstrationen losziehen oder sich rund um den Tahrir zu Kundgebungen vor staatlichen Gebäuden zusammenfinden. Ich war gestern zum Beispiel auf einer Kundgebung vor der Nationalbank. Dort haben sich Menschen, davon ca. 50% Frauen* zusammengefunden, die den Rücktritt des Chefs der Bank forderten, der wohl ein Vermögen von 100.000 Millionen (Euro, Dollar oder Pfund) ankorrupiert hat. Meist finden sich auch Menschen, die mir das, was ich noch nicht verstehe übersetzen können.

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Ein kleines Plenum auf dem Tahrir

Als ich dann gestern am Tahrir Platz in der winterlichen Sonne (hier sind grad um die 25-27 Grad) herumsaß und Tee getrunken habe, kam erst ein junger ägyptischer Soziologie-Student zu mir, der mich fragte, wie ich Ägypten jetzt finde, ob es jetzt besser ist, was mensch in Deutschland von der Revolution denkt usw. Ganz schnell wurde aus dem einen zwei, dann drei und dann explosionsartig eine Traube von 30 Leuten oder so, die wahnsinnig viele Fragen hatten, während mein erster Gesprächspartner mit übersetzen kaum hinterher kam und immer wieder Menschen verscheuchte, die mich, aufgrund der Menschenmenge um mich herum für eine Berühmtheit hielten und Fotos und Videos mit mir auf ihrem Handy machten. Sehr amüsant war das Ganze, wenn auch etwas merkwürdig, als ein junger verwirrter Typ rief, ich sei eine christliche Journalistin, die Lügen verbreitet und Israel Informationen zukommen lässt. Er hätte mich aus dem Fernsehen erkannt. Na denn :-)

Mein erster Gesprächspartner ist daraufhin sicherheitshalber erstmal mit mir woanders noch einen Tee trinken gegangen, wo ich mit vier Ahmeds über die Zukunft Ägyptens diskutiert habe.

Gestern habe ich die Arbeit bei meiner NGO angefangen. Das Team dort ist super witzig, offen, nett und etwas planlos - genau das Richtige für mich. Ich bin dort ziemlich frei was meinen Unterricht angeht und kann selbst entscheiden, wie und was ich unterrichten will. Nur Deutschkenntnisse sollen die Leute danach halt haben. Bezahlt werde ich allerdings nur nach ägyptischem Ehrenamtsverdienst, was in etwa 3, 20 Euro in der Woche ist. Wird ne Weile dauern, bis ich mir davon nen Flug nach Deutschland gespart hab.

Meine Wg im Stadtteil Dokki (ca. 20 Minuten zu Fuß vom Tahrir und 5 Minuten von meiner NGO entfernt) ist auch spitze. Mein Mitbewohner ist ein nigerianischer Frauen*rechtler,  der schon bei der UN in New York gearbeitet hat und jetzt hauptberuflich bei ner NGO arbeitet und sich tierisch über den deutschen Kaffee freut, den ich mitgebracht habe. In den nächsten Tagen bekommen wir, in sha allah noch einen Mitbewohner. Ich beginne auch mittlerweile langsam dieses muffige, stinkende Leitungswasser zu trinken.

Die Ausgangssperre zwischen 0 und 6 Uhr wird hier nicht allzu ernst genommen, aber es gibt außerhalb derer keine öffentlichen Verkehrsmittel. Sie sollte allerdings deshalb eingehalten werden, weil es hier keine Polizei mehr gibt und es nachts daher unsicher sein kann. Ich war bisher immer etwas über der Zeit, wurde die letzten beiden Abende allerdings auch nach Hause gebracht.

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Noch etwas Schönes: Dort steht: “Hebe deinen Kopf, denn du bist Ägypter(_in)!”

Viele Grüße, Smog und einen revolutionären Wind aus Kairo an meine verehrten Leser_innen!

Mar 3, 20112 notes

Februar 2011

2 Einträge

Guten Morgen Kairo!

Ich bin also endlich wieder zuhause in Ägypten, gerade geht die Sonne auf und das Gehupe fängt an die Vögel zu übertönen.

Bisher lief alles super - vorgestern bin ich binnen viereinhalb Stunden von Berlin nach München getrampt, wurde dort bei den Eltern einer Freundin ganz herzlich und warm mit fantastischer Rote Beete Suppe und nem kalten Bier empfangen und konnte heute so ganz entspannt zum Flughafen fahren um wiederum nur viereinhalb Stunden zu brauchen um in Kairo zu landen.

Angekommen am Flughafen kam ich so erstmalig in Kontakt mit einer “Ausgangssperre”: 40 Minuten lang fuhr der Flughafenbus auf dem Flughafen umher, hielt an verschiedenen Wartehallen und ließ uns nicht aus dem Bus…. was zu reichlich Witzen mit meinen ägyptischen Mitreisenden führte. Schön wieder hier zu sein, wo alles so locker und humorvoll genommen wird. Wie erwartet war der Flieger nichtmal halbvoll und war fast komplett mit Menschen belegt, die jetzt wieder zurückkommen und hier leben.

Es war so schön, aus dem Flughafen zu kommen und mit einem “tahiya masr!” lächelnd begrüßt, und nichteinmal vom Taxifahrer beschissen zu werden. (Da hab ich gerade aber auch schon andere Erfahrungen gehört)

Mit drei anderen Deutschen, die hier in Kairo leben hab ich mir dann ein Taxi geteilt um in die Stadt zu fahren, um mein Gepäck, das gewaltige 30 kg wiegt erstmal abzuladen und mich auf mein Vorstellungsgespräch heute vorzubereiten. Unterwegs wurden wir dreimal an Militärcheckpoints und an einer “Bürger_innenwehr”-Absperrung angehalten. Irgendwie wusste noch Keiner so recht, was die mit uns anfangen sollen, außer unsere Pässe durchzublättern, zu fragen ob wir Journalist_innen seien und ob wir nach Libyen wollen. Na klar doch…. hinter Gaddafi liegt ja der Strand.

So…jetzt werde ich diesen knusprig-frischen Tag erstmal auf mich zukommen lassen, später zur NGO gehen, bei der ich - in sha allah - arbeiten werde und später in meine neue Wg in Dokki einziehen - in sha allah. Und Falafel am Tahrir Platz essen.

Feb 28, 2011
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