Ein kurzer Abenteuer-Urlaub im Fayyum
Wie typisch für eine Kairanerin, fuhr ich letztes Wochenende mit meinem Mann ins Fayyum, einer Halboase etwa 100km südlich von Kairo, um mal der Großstadt etwas zu entfliehen und damit meine Lunge zu erholen. Dort gibt es (neben dem Nasser Stausee) die einzigen Seen Ägyptens, viele lustige Tiere und Altertümer vor allem aus dem Mittleren Reich. Lohnt sich also in jeder Hinsicht, sich dort mal ne Auszeit zu nehmen.
Wir fuhren gegen Mitternacht los und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich trotz den viel zu hohen Geschwindigkeiten der oft zugekoksten Mikrobusfahrer und den Unfallstatistiken der winzigen Busse im Kopf, in denen sich über ein Dutzend Menschen stapeln, schlafen kann.
Mitten in der Nacht kamen wir in der Oase an und wurden auf der Suche nach einem Hotel prompt von einem “großen Erfinder” aufgegabelt, dessen großartigen Erfindungen aber leider gestohlen wurden. Er wäre gegen einen Kredit aber bereit, seinen Erfindergeist mit uns zu teilen. Zu gern hätte ich seinen Geschichtchen weiter gelauscht, aber leider wurden wir von einer Gruppe Halbstarker, die uns aus irgendwelchen Gründen verprügeln wollten oder so und einem Taxi, das zum Glück just des Momentes hielt um uns zu retten, getrennt.
Mit Mühe und Glück fanden wir noch ein Zimmer, das nicht schon von vielen kleineren und größeren Lebewesen bewohnt und dessen Bettwäsche bestimmt schonmal im letzten halben Jahr gewechselt wurde, um am nächsten Morgen mehr oder minder ausgeschlafen nach Il Lahun aufzubrechen.
Erstaunt stellten wir allerdings fest, dass es 11 Uhr morgens noch viel zu früh war, um einen geöffneten Supermarkt oder überhaupt geöffnete Geschäfte für ein Frühstück zu finden. Die Hauptstadt des Fayyum, insgesamt leben in dieser großen Halboase über 2 Mio Menschen, war um diese Zeit wie ausgestorben. Sehr sympathisch wie ich finde, denn eigentlich bringe ich um diese Uhrzeit meine Energie auch nur dafür auf, mich im Bett von einer Seite zur anderen zu drehen.
Zum Glück fuhren aber die Mikrobusse schon, die uns für 1 Pfund (11 Cent) ins kleine Bäuer_innendorf Il Lahun fuhren. Dort erwartete uns noch ein etwa 3 km langer Spaziergang durchs idyllische Dorf und über Felder, vorbei an lauter freundlichen Menschen, die uns herzlichst willkommen hießen, vorbei an dicken Büffeln, muhenden Kühen, fleißigen, lächelnden Eseln, witzigen Vögeln und über viel Kacke am Boden zur Nekropole des Mittlen Reichs mit der Pyramide Sesostris II.

Tourist_innen scheint es hier schon seit der Zeit des Propheten Muhammed nicht mehr gegeben zu haben, wodurch wir uns, an den wahrscheinlich schlafenden, wenn nicht bereits skelettierten Polizisten im Tickethäuschen vorbeischleichen konnten.
Das war überhaupt das krasseste in dieser Totenstadt, die direkt am Rande der fruchtbaren Oase in der toten Wüste liegt: Sie war nahezu gepflastert mit menschlichen Knochen, Schädeln und Gebeinen - allein im Vorbeigehen sahen wir dutzende bis hunderte Skelette. Da die Grabschächte kaum oder gar nicht gesichert sind, muss mensch sehr aufpassen, nicht selbst in ein Grab zu fallen, das dann das eigene wird. Es gibt tatsächlich Berichte über achtlose Tourist_innen, die in Gräber fallen und dort fast skelettiert erst nach zwei Jahren gefunden wurden - neben einer Postkarte, auf denen sie noch ihre letzten Worte hinterließen.

Als wir ein (von Tieren?) zerrupftes Skelett in einem Leichentuch fanden, äußerte mein Mann die Vermutung, dass dies die Frau eines Bauern sein könnte, der seine ermordete Frau einfach in die Wüste geschleppt habe. Sowas gibt es oft in Ägypten.
Die Pyramide selbst, die ziemlich zerstört ist, ist ungeheuer interessant. ihr Fundament bildet ein gewaltiger, massiver Felsen, worauf ein - noch gut erkennbarer - Kalksteinkern gebaut wurde, der von erstaunlich gut erhaltenen ungebrannten Lehmziegeln ummantelt ist. Ursprünglich gab es noch eine Verkleidung aus Kalksteinblöcken, die allerdings von Grab- und Baumaterial Räuber_innen abgetragen wurde.

Auf dem Rückweg entdeckten uns dann doch die Polizisten (ACAB), die zwar versuchten ein utopisches Bestechungsgeld von uns zu verlangen, sich dann aber doch mit umgerechnet 40 Cent (10 Euro wollten sie erst) zufrieden gaben.
Der Rückweg nach Medinet Fayyum brachte uns auf eine hervorragende Idee: Obwohl das Fayyum berüchtigterweise von vielen fundamentalen Islamist_innen bewohnt wird, sahen wir Unmengen zertrampelter Bierdosen auf dem Boden liegen.(vielleicht arbeiten die Esel damit flinker?) Meine stille Hoffnung auf güldenen Hopfensaft müsste also auch hier erfüllt werden können. Und Tatsache: Der Besitzer eines Internetcafés erklärte uns unter folgendem Vorwand den Weg zu Bier: Mein Mann sagte, er hätte auf Facebook gelesen, dass in letzter Zeit 12 Läden, die Bier verkauft hätten, von Salafisten (fundamentalen Islamisten) niedergebrannt worden seien. Der Mann* wusste davon nichts. Dann fragte mein Mann, ob sich ein solches Geschäft in der Nähe befände - und tatsächlich: Eine Gasse weiter gabs nen Kiosk, der illegal und versteckt kaltes Bier verkaufte.
Medinet Madi:
Am nächsten Tag brachen wir 10 Uhr morgens (quasi mitten in der Nacht) auf ins sehr entlegene Medinet Madi im West-Fayyum, wo sich ein Tempel des Mittleren Reichs befindet. Das einzige Problem dabei ist nur: dorthin gibt es wirklich KEINEN öffentlichen Verkehr. Mit Mikrobussen fuhren wir also in das letzte erreichbare Dorf (Abu Gandhir) vor und nahmen nach vielen Gesprächen mit Bäuer_innen und so einigen Verhandlungen schließlich ein Tuk-Tuk (ein karusselartig wackelndes Motorradtaxi) zum Tempel.
Die beiden Menschen am Einlass des neuen Grabungshauses, waren so überrascht über unsere Visitation (auch hier scheinen die letzten Besucher_innen im letzten Jahrtausend vorbeigekommen zu sein), dass sie tatsächlich versuchten, ein nicht unerhebliches Bestechungsgeld von uns zu verlangen. Daraufhin zeigte ich meine Sondergenehmigung der ägyptischen Altertümerverwaltung (ich hasse son autoritär-arrogantes Ausweis-Getue), woraufhin sie uns unverzüglich ohne etwas zu verlangen, dann gewähren ließen. Ya Salam!
Der Tempel lohnte alle Mühe, diesen zu erreichen. Ein langer Dromos in Form einer Löwensphingenallee der ptolemäischen und griechischen Zeit säumt den Weg zum ursprünglichen Heiligtum des Mittleren Reiches (erbaut v.a. unter Amenemhet IV.). Besonders ist dieser, dem krokodilköpfigen Gottes Sobek geweihte Tempel deshalb, weil er der einzige, nahezu vollständig erhaltene Tempel dieser Zeit ist.
Sogar unser Tuk-Tuk Fahrer war ganz begeistert von den vielen Nischen, Räumen, Inschriften (ganz aufgeregt wollte er alles übersetzt wissen) und Reliefs dieses kleinen, aber wunderschönen Tempels.
Am frühen Abend fuhren wir dann zufrieden und glücklich nach Kairo zurück und sind froh, nicht in dem Bus gesessen zu sein, der wie hunderte in diesem Land einen schweren Überschlagunfall vor uns erlitt. Diesmal gab es dabei, il hamdulillah keine Toten.