Zu den Ausschreitungen...
… kann ich leider, oder besser: zum Glück nicht so viel sagen, weil ich davon hier in unserem Viertel “dem Prenzlauer Berg Kairos” (nur näher am Zentrum gelegen) nicht so viel mitbekomme. In der Nacht vom 9.10. zum 10.10. hörten wir zwar Schüsse, aber sonst nix - und so furchtbar es sich anhören mag: daran gewöhnt mensch sich hier etwas. Alles andere kann mensch wohl selbst über die Medien verfolgen.
Gerade spielt Zamalek (der rivalisierende Fußballverein meines kairoer Lieblingsvereins Al Ahly), und bei den lauten raunen aus den Männer*cafés bei einer torgefährlichen Chance schaudert es mich immer etwas, weil ich gleich an einen wütenden Plündermob für eine Sekunde denken muss, um dann doch nur beruhigend festzustellen, dass Zamalek einfach zu blöde ist ein Tor zu schießen.
Wie dem auch sei, mein Mitgefühl ist bei den Trauernden dieser Stadt, die durch das Militärmassacker hier Verwandte und Freund_innen verloren.
Ich bin froh, dass ich die letzten beiden Tage durch eine Erkältung, die ich mir wegen einer Klimaanlage auf der Fahrt nach Alexandria zugezogen habe, im Bett lag und daher nicht in Downtown, dem Ort des Geschehens war.
In Alex war es wiedereinmal wunderschön. Mit vielen lieben Freund_innen gönnten wir uns zwei Tage Strandurlaub, bestehend aus Schwimmen, schlafen und sit-ins auf unserem gewaltigen Balkon einer gemieteten Wohnung mit reichlich Bier.
Besonders auffällig war die, auch am Strand unveränderte Kleidungsnorm der Frauen*. Da gehen tatsächlich völlig verschleierte Frauen* mit Niqab (Gesichtsschleier) und Sonnenbrille über den Augenschlitz gezogen ins Wasser. Und weit und breit war kaum eine Frau* zu sehen, die ihr Kopftuch oder irgendein anderes alltägliches Kleidungsstück zum Schwimmen abnahm. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie unangenehm zum Beispiel eine völlig nasse Jeans auf der Haut sein muss, vor allem dann, wenn es völlig normal ist, dass Männer* nur Shorts tragen brauchen. Auch gibt es am Strand überall Menschen, die sich als “Sittenwächter” aufspielen und Menschen ermahnen, die sich am Strand küssen oder sich auch sonst nur irgendwie außerhalb der geltenden Normvorstellungen verhalten. So ist es nahezu Sünde als Frau* lediglich mit T-Shirt und Shorts bekleidet mit Freunden Fußball zu spielen usw.
Da war ich dann doch froh, dass ich mich in der Begleitung einiger Männer* befand, um nicht wieder von Belästigungen heimgesucht zu werden. Eine liebe Freundin hat neulich in ihrem Blog einen Artikel über sexuelle Belästigung in Ägypten geschrieben, den ich der_dem interessierte_n Leser_in sehr ans Herz legen möchte: http://victoria-in-cairo.blog.de/2011/10/05/sexuelle-belaestigung-mehr-11968048/
Ich könnte das nicht besser beschreiben und teile ähnliche bis gleiche Erfahrungen mit ihr, wie viele andere Frauen* in Ägypten auch. Um dieses Problem aufzuzeigen, hat sich übrigens beispielsweise eine Gruppe Frauen* gefunden, die das Projekt “Harassmap” gegründet haben: http://harassmap.org/
Zu guter Letzt: Wer bereits neugierig auf einen Beitrag zu meiner Hochzeit wartet, wird hier hoffentlich bald einen Gastbeitrag darüber finden, in sha allah :-)